Herzensangelegenheit und wenig Genugtuung

Wiedervereinigung und die Auswirkungen auf die Vertriebenen

In der SBZ und DDR gab es bis 1990 keine organisierten Vertriebenenverbände. Anfängliche Versuche zur Gründung von Vereinen wurden unterbunden. Weder die SMAD noch die DDR-Führung wollten ein kulturelles oder politisches Sonderbewusstsein für die Vertriebenen schaffen.

Der 1957 in Bonn gegründete Bund der Vertriebenen (BdV) wurde von der DDR-Propaganda von Beginn an scharf angegriffen. In den offiziellen Darstellungen der DDR bildeten der BdV und die Landsmannschaften in der Bundesrepublik eine Keimzelle für "Revanchismus" und "Imperialismus". Damit war das in der DDR strafbewehrte Ziel der kriegerischen Wiedergewinnung der alten Heimat gemeint, welches die DDR-Führung dem BdV unterstellte. Der BdV wurde von der Regierung in Ostberlin über vierzig Jahre durch Agenten des Ministeriums für Staatssicherheit geheimdienstlich observiert. Kontakte zwischen Ost und West waren für die Vertriebenen riskant.

Nach dem Mauerfall 1989 veränderte sich die Situation für die Vertriebenen in der DDR. Es entstanden flächendeckend in den neuen Bundesländern auf Landes-, Kreis- und Ortsebene Organisationen der Vertriebenen. Alle fünf Landesverbände gründeten sich 1990, einige vor und andere nach der Wiedervereinigung. Wichtigstes Ziel des BdV war es, den Vertriebenen in der ehemaligen DDR einen Lastenausgleich zukommen zu lassen und sie mit den Vertriebenen im Westen gleichzustellen. Anders als in der Bundesrepublik hatte es einen solchen in der DDR nie gegeben. Der Einigungsvertrag erfüllte diese Hoffnung nicht und sah lediglich eine beschränkte Geltung der Kriegsfolgengesetze, so auch des Bundesvertriebenengesetzes BVFG vor.

Das Lastenausgleichsgesetz wurde ebenso nicht übergeleitet. Die Bemühungen der Verbände um eine Entschädigung für die durch Flucht und Vertreibung erlittenen materiellen Verluste mündeten in einer einmaligen Zuwendung an die Vertriebenen in Höhe von 4.000 DM. Am 30. September 1994 trat das Vertriebenenzuwendungsgesetz in Kraft. Knapp 1,4 Millionen Vertriebene stellten einen Antrag, der in 1,27 Millionen Fällen positiv beschieden wurde.

Die Mitgliederzahlen des BdV in den neuen Ländern stiegen in der ersten Hälfte der 1990er Jahre kontinuierlich auf fast 200.000 Personen an. Die verständigungspolitische Arbeit, die Kulturarbeit, aber auch die Verbandsarbeit der neuen Gliederungen waren im Aufwind und wurden von staatlicher Seite unterstützt. Das Wichtigste für die Vertriebenen war jedoch die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen über ihr Vertriebenenschicksal auszutauschen, ohne Repressionen fürchten zu müssen und die alte Heimat wieder zu besuchen.

Die Charta der deutschen Heimatvertriebenen

Die Charta der deutschen Heimatvertriebenen

Die Charta der deutschen Heimatvertriebenen wurde am 5. August 1950 in Stuttgart-Bad Cannstatt von 30 Vertretern der deutschen Heimatvertriebenen unterzeichnet und am folgenden Tag vor dem Stuttgarter Schloss und im ganzen Bundesgebiet verkündet. Sie gilt als das „Grundgesetz“ der deutschen Heimatvertriebenen. In ihrem Kern enthält sie einen Aufruf zum Verzicht auf Rache und Gewalt trotz des eigenen gerade erlittenen Unrechts und ein klares Bekenntnis zur Schaffung eines geeinten Europas, zur Verständigung zwischen den Staaten, den Völkern und Volksgruppen. Sie war zum Zeitpunkt ihrer Verabschiedung am 5. August 1950 ihrer Zeit weit voraus und eine große moralische Leistung der Vertriebenen, die damals noch nicht wussten, was überhaupt mit ihnen geschehen sollte und wie es weitergehen würde. Tausende befanden sich zudem noch in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

Die Charta ist auf der BdV-Seite hinterlegt und kann über den Button abgerufen werden

Gründung von Vertriebenenvereinen nach 1990

Nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung gründeten die Vertriebenen in den neuen Bundesländern fünf Landesverbände und eine große Anzahl landsmannschaftlicher Vereinigungen auf Kreisebenen. Die Vertriebenen nutzen nun die Freiheit, sich in Vereinen und Organisationen über ihr Schicksal auszutauschen, viele waren aber auch durch die SED-Politik den Vertriebenenorganisationen gegenüber skeptisch und misstrauisch. Die Erlebnisgeneration hat ihr Wissen über die Familiengeschichte und die Herkunft wegen des Tabus nur rudimentär oder gar nicht vermittelt, so dass es teilweise große Lücken und Unwissen in der Geschichte vieler Nachkommen von Vertriebenen gab und bis heute noch gibt. Daneben gründeten die Vertriebenen Heimatstuben, Stiftungen, Kultureinrichtungen und Museen, in denen das kulturelle Erbe gepflegt und die Erinnerung an das Schicksal wachgehalten werden - oft auch mit finanzieller Unterstützung der jeweiligen Länder oder Kommunen. So konnte althergebrachtes Brauchtum zum Teil wiederbelebt werden. Viele Vertriebene und deren Verbände pflegen Kontakte in die alte Heimat und tragen dadurch zur Verständigung zwischen den Menschen und Völkern bei.

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Auszug aus dem Vertriebenenzuwendungsgesetz

Als besonders ungerecht empfanden die Vertriebenen, dass die Kriegsfolgengesetze wie das Lastenausgleichsgesetz und Bundesvertriebenengesetz auf die neuen Länder nur eingeschränkt übergeleitet wurden. Das Vertriebenenzuwendungsgesetz als Ersatz für einen Lastenausgleich war mehr als symbolische Geste denn als Entschädigung konzipiert. Etwas über 100.000 Antragsteller gingen bei dieser Regelung leer aus, weil sie die individuellen Voraussetzungen nicht erfüllen konnten. So wurde die Zuwendung denjenigen verwehrt, die Bodenreformland erhielten oder vor dem 3. Oktober 1990 in den Westen umgezogen sind. Die Zuwendung wurde nach Jahrgängen ausgezahlt und das Gesetz 2011 aufgehoben.

© ZgV

1990 Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten

Am 3. Oktober 1990 feierten die Deutschen die Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Dem vorausgegangen waren 1989 gezielte friedliche Bürgerproteste (Montagsdemonstrationen) der DDR-Bürger in Dresden, Leipzig und anderen Orten, die Ausreisebewegungen der DDR-Bürger über Ungarn und die Tschechoslowakei, die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 und das Ende der SED-Herrschaft. Der formalrechtliche Beitritt nach dem Grundgesetz wurde danach vorbereitet und erfolgte am 3. Oktober 1990. Seitdem ist der Tag der Deutschen Einheit ein gesetzlicher Feiertag.

© ZgV

1990 40. Jahrestag der Verkündung der Charta der deutschen Heimatvertriebenen

Die Briefmarke trägt den Schlusssatz der Charta-Erklärung als Inschrift: „Wir rufen Völker und Menschen auf, die guten Willens sind, Hand anzulegen ans Werk, damit aus Schuld, Unglück, Leid, Armut und Elend für uns alle der Weg in eine bessere Zukunft gefunden wird.“

Umsiedlermuseum Linstow

Nach Flucht und Vertreibung siedelten sich in Linstow in Mecklenburg-Vorpommern Familien u.a. aus Wolhynien an. Im Rahmen der Bodenreform 1945 erhielten insgesamt 73 Flüchtlingsfamilien als Umsiedler ca. 10 ha Land zum Siedeln. Mehr als die Hälfte der Familien stammten aus Wolhynien. Wie ihre Vorfahren errichteten sie ihre Holzhäuser in traditioneller Bauweise aus Holz und Lehm. Das erforderliche Baumaterial holten sie sich aus den umliegenden Wäldern. Aus Baumstämmen sägten sie Bohlen und Bretter und in Verbindung mit Lehm fertigten sie daraus ihre Holzhäuser auf die gleiche Art und Weise, wie die Menschen in ihrer Heimat es über Jahrhunderte praktiziert hatten. Nach 1990 gründeten sie einen Heimatverein und eine Stiftung und betreiben in einem der Umsiedlerhäuser ein Museum mit Bildungs- und Begegnungsangeboten, die über die lokale Gemeinschaft hinaus die Erinnerung wachhalten und der Verständigung zwischen den Menschen unterschiedlicher Nationen dienen.

Schlesisches Museum zu Görlitz

Kurz nach der Wende wurde die Entscheidung zur Errichtung eines Schlesischen Museums in Görlitz getroffen. 1996 errichteten die Bundesrepublik Deutschland, der Freistaat Sachsen, die Stadt Görlitz und die Landsmannschaft Schlesien gemeinsam eine Stiftung, der die Trägerschaft über das Museumsprojekt übertragen wurde. Bund und Freistaat Sachsen übernahmen die Förderung. Die Stadt Görlitz stellte den Schönhof als Museumsgebäude zur Verfügung. Die Ausstellungen richten sich an alle, die sich für Kultur und Geschichte Schlesiens interessieren. Wichtige Zielgruppen sind Bewohner des deutschpolnischen Grenzgebiets sowie ehemalige Bewohner Schlesiens, die Flucht und Vertreibung erlitten haben, und ihre Nachkommen.

Transferraum Heimat der Stiftung „Erinnerung und Begegnung e.V.“

Seit 2020 entsteht in Hoyerswerda-Knappenrode in Sachsen eine außerschulische Bildungs- und Begegnungsstätte unter dem Namen „Transferraum Heimat“. Das Projekt wird von der Stiftung „Erinnerung, Begegnung – Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen“ durchgeführt und hat das Ziel, an Geschichte interessierte Öffentlichkeit, insbesondere Kinder und Jugendliche an die Themen rund um Flucht und Vertreibung zum Ende des Zweiten Weltkrieges heranzuführen, sie über die Eingliederung dieser Menschen im sozialistischen Nachkriegsdeutschland zu informieren und Geschichte aufzuarbeiten. Über Bildung, Begegnung und Wissensvermittlung wollen die Vertriebenen in Sachsen die Erinnerung wachhalten und die Verständigung mit den östlichen Nachbarn lebendig und nachhaltig gestalten. Die Eröffnung ist für 2024 geplant.

BdV Thüringen

Der BdV-Landesverband Thüringen wurde 1990 gegründet und setzt sich im Rahmen der Satzungsaufgaben für die Pflege und Fortführung des kulturellen Erbes der Vertriebenen und Flüchtlinge, die Verständigungspolitik, die Integrationsarbeit mit Spätaussiedlern und Migranten sowie die Unterstützung der Heimatverbliebenen ein.

BdV Sachsen

BdV Sachsen

Der BdV-Landesverband Sachsen wurde 1991 gegründet. Der jetzige repräsentative „Verband der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen / Schlesische Lausitz“ entstand 2011 neu und hat seinen Sitz in Hoyerswerda. Die Aktivitäten des Verbandes befassen sich mit der Geschichte von Flucht, Vertreibung und Deportation, mit der ostdeutschen Kulturpfl ege und der Integration der Spätaussiedler. Zusammen mit dem Beauftragten des Freistaates Sachsen für Vertriebene und Spätaussiedler arbeitet der BdV an dem Projekt „Transferraum Heimat“.

Pommersches Landesmuseum

Das Pommersche Landesmuseum in Greifswald präsentiert 14.000 Jahre Kultur und Geschichte Pommerns sowie eine hochkarätige Gemäldesammlung. In einem preisgekrönten Architekturensemble, das in imposanter Weise gotische, klassizistische und zeitgenössische Architektur miteinander verbindet, wird Geschichte, Kunst und Kultur der ehemaligen Provinz Pommern gezeigt.

Deutsches Kulturforum östliches Europa

Das Deutsche Kulturforum östliches Europa in Potsdam engagiert sich für die zukunftsorientierte Vermittlung deutscher Kultur und Geschichte des östlichen Europas und will damit einen nachhaltigen Beitrag zur Stärkung europäischer Identität leisten. Dabei sind alle Regionen im Blick, in denen Deutsche gelebt haben oder bis heute leben.

Stiftung Brandenburg und Haus Brandenburg

Die Stiftung Brandenburg mit ihrem gleichnamigen Haus in Fürstenwalde versteht sich als Dokumentationszentrum für das ehemals ostbrandenburgische Gebiet jenseits von Oder und Lausitzer Neiße. Hier werden Zeugnisse über die Geschichte und die Kultur dieser Region gesammelt, erschlossen, präsentiert und ausgewertet. Mit Vortragsveranstaltungen, wissenschaftlichen Tagungen und Exkursionen, Ausstellungen, Publikationen und Medienarbeit leistet das Haus einen Beitrag zur Erinnerungspflege und zur deutschpolnischen Zusammenarbeit.

Stiftung und Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Mitten in Berlin, am Anhalter Bahnhof, befindet sich das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung − ein Lern- und Erinnerungsort zu Flucht, Vertreibung und Zwangsmigration in Geschichte und Gegenwart. Es präsentiert sich mit einer Dauerausstellung, einer Bibliothek mit Zeitzeugenarchiv, einem Raum der Stille, Führungen, Workshops und Veranstaltungen.

© BdV / LV Thüringen

Tag der Heimat in Erfurt, 7. September 2023

Der Tag der Heimat wird von den Vertriebenen bundesweit und auch regional an ihren Wohnorten begannen. Die zentrale Auftaktveranstaltung wird vom Bundesverband am letzten Wochenende im August oder Anfang September in Berlin durchgeführt und mit einer Kranzniederlegung am Zentralen Mahnmal der Vertriebenen auf dem Theodor-Heuss-Platz in Berlin verbunden. Die dezentralen Tage der Heimat finden danach statt.

Heimatweh

Erinnerungskultur nach dem Mauerfall 1989

Mit dem Ende der DDR endete auch das über 40 Jahre dauernde, erzwungene Stillschweigen über das Schicksal von Flucht und Vertreibung, über die Ursachen und die Folgen der größten Völkerverschiebung im Europa des 20. Jahrhunderts. Viele der Betroffenen der Erlebnisgeneration waren nicht mehr am Leben, viele Familiengeschichten konnten nicht erzählt werden und die Geschichtsbücher schwiegen. Das neu entdeckte Erinnern und Erzählen befreite und brachte Zugang zu einer wiedererweckten Identität.

Sowohl das kollektive als auch das private Erinnern finden sich heute in den neuen Ländern in unterschiedlichen Intensitäten wieder. So hat sich in Sachsen der jährlich am zweiten Sonntag im September stattfindende Landesgedenktag etabliert und es gibt das Amt eines Beauftragten für Spätaussiedler und Heimatvertriebene. Auch Stiftungen der Vertriebenen mit dem Auftrag der Pflege der Erinnerungskultur haben sich neu gegründet. Die Geschichte der Vertriebenen in der SBZ und DDR wurde in etwa einem Dutzend Dissertationen und zahlreichen weiteren Publikationen wissenschaftlich erforscht und veröffentlicht. Archive offenbaren einen Blick auf die Praktiken der Stasi im Umgang mit dem Thema, Zeitzeugendokumentationen und Belletristik ergänzen das Schicksal um die persönliche Betroffenheit. Reisen in die alte Heimat, Verständigung mit den Nachbarn und gemeinsame Betrachtungen der Geschichte weisen in die Zukunft.

Das Erinnern allein ist nur ein Teil der Vergangenheitsbewältigung. Wichtig ist die Verständigung mit den Nachbarn entlang der Oder-Neiße-Linie und tiefer in den Osten hinein genauso wie die Wissensvermittlung über die lange Geschichte der Deutschen im Osten Europas an die jungen Generationen. Erinnerung, Mahnung und Wissen um die Geschichte stehen eng beieinander.

Nach 1989 errichteten die Vertriebenen in den jeweiligen Bundesländern Denkmale. Besonders eindrucksvoll ist der 2004 eingeweihte Altvaterturm auf dem Wetzstein (792 m) im Thüringer Wald. Der 35 Meter hohe Aussichtsturm ist mit einer Ausstellung zugleich Mahnmal gegen Flucht und Vertreibung. Die Grundsteinlegung erfolgte im Beisein des thüringischen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel im Jahr 2000. Der Bau ist eine Kopie des Altvaterturmes, der 1908 auf dem Gipfel des Altvaters in Mähren eingeweiht und nach dem Zweiten Weltkrieg abgetragen worden war.

Der 2002 in Freiberg in Sachsen im Auftrag des BdV eingeweihte Vertriebenenfriedhof ist wohl einzigartig, da hier Vertriebene über Jahre hinweg separat von den Alteingesessenen begraben wurden. Eine Inschrift am Eingang des Friedhofes benennt die 144 Herkunftsorten der verstorbenen Vertriebenen.

Das Thema Flucht und Vertreibung fand auch Eingang in die öffentliche Gedenkkultur. Mit dem Nationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung und mit Landesgedenktagen in Sachsen, Bayern, Hessen und Baden-Württemberg wird jährlich an das Schicksal erinnert.

© gemeinfrei

Altvaterturm

Der ursprüngliche Altvaterturm wurde 1912 auf Initiative des Mährisch-Schlesischen Sudetengebirgsvereins auf dem Gipfel des Altvatergebirges in Mähren errichtet. Das Bauwerk erinnerte an eine Burg, besaß eine Gaststätte mit zwei Stockwerken und Gästezimmern und wurde wohl aus Gründen der Sparsparsamkeit aus ungeeignetem Gestein (Grauwacke) gebaut. Durch Nässe, Frost und mangelnde Instandhaltung war der Turm bereits in den 1920er Jahren baufällig. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er vorübergehend noch bewirtschaftet, dann aber wegen Baufälligkeit geschlossen. 1959 stürzte er ein und wurde abgetragen. Zur Erinnerung an diesen Turm und an die Heimat sowie als Mahnmal gegen Vertreibung und für Versöhnung errichteten die vertriebenen Sudetendeutschen 2004 auf dem Wetzstein in Ostthüringen eine Nachbildung des Altvaterturms. In den Räumen des Bauwerks befinden sich eine Kapelle, eine Heimatstube, ein Museum und eine Gaststätte. Der Altvaterturm ist ein beliebtes Ausflugsziel, weil er von seiner Aussichtsplattform einen herrlichen Rundblick über das Thüringer Schiefergebirge, den Frankenwald und das Fichtelgebirge bietet.

 © Oswald Wöhl (Privat)

Besuch in der Heimat

Trotz vieler Privatreisen unternahm wohl die große Mehrheit der Vertriebenen in der DDR vor der Wiedervereinigung keine Besuche in die alte Heimat. Für manche war die Visafreiheit jedoch die Gelegenheit, die Heimatliebe zu praktizieren und Kontakte zu deren neuen Bewohnern zu knüpfen. Das Bild zeigt Oswald Wöhl mit seiner Mutter und einer Tschechin in Überschar, ein Ort in der Gemeinde Neustadt an der Tafelfichte (heute Tschechien) im Jahr 1970.

Oswald Wöhl, geb. 1941 in Neustadt an der Tafelfichte, Sudetenland berichtet

Wir durften nicht reisen bis zum Oktober 1967. Im Oktober 1967 hieß es plötzlich: pass- und visafreier Reiseverkehr. Ja. Ich habe aber nie einen Reisepass gesehen, sondern wir konnten zur Meldestelle der Volkspolizei gehen und bekamen in unseren Personalausweis der Deutschen Demokratischen Republik eine Reiseeinlage hinein geklebt. Da wurde ein Stempel hineingedrückt, gestattet für den pass- und visafreien Verkehr und gleichzeitig wurde er von der Staatsbank der DDR benutzt, u m die Reisezahlungsmittel einzutragen. Für meine Person nehme ich das Recht in Anspruch, dass ich ein Brückenbauer bin und lege Wert auf eine Verständigung in Gesprächen mit Bürgern der Tschechischen Republik. Ich bin immer bestrebt, realistisch ohne subjektive Vorurteile an die Geschichte heranzugehen und sie entsprechend zu bewerten. In das Stadtamt meiner Heimatstadt, meines Geburtsortes Neustadt an der Tafelfichte, gehe ich völlig unbelastet hinein, führe dort Gespräche mit den Bürgermeistern, mit den Sekretären, mit der Urkundenstelle und so weiter. Die rechnen mir das sehr hoch an, dass ich tschechisch spreche. Ich habe mit dem Bürgermeister dafür gesorgt, dass auch über den deutsch- tschechischen Zukunftsfonds ein Buch über meine Heimatstadt Neustadt an der Tafelfichte in 100 Jahren Fotografie erscheint. Hat mich richtig mit Stolz erfüllt, als ich das betrachtet habe. Und mir wurde Gelegenheit gegeben, dass ich das Schlusswort in diesem Buch schreiben konnte. Diesem Buch wünsche ich die Bedeutung eines Bausteines für die Brücke der Verständigung zwischen den Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, und jenen Menschen, die nach Hitlers verbrecherischem Zweiten Weltkrieg nach Neustadt an der Tafelfichte gekommen sind. Wenn diese Menschen auch unterschiedlichen Nationen angehören, durch die Liebe zu ihrer gemeinsamen Heimat sind sie miteinander verbunden. Nach dem Lesen dieses Buches werden sie es verstehen.

Das im Jahre 2023 aufgenommene Interview kann über den Button abgerufen werden

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Historische Einordnung

Es ist jedoch erstaunlich, welche Bandbreite an Formen des Herkunftsbezugs man in der DDR auch nach Jahren und Jahrzehnten noch antreffen konnte (und in den neuen Bundesländern bis heute antreffen kann). Wenig beachtet, wohl auch, weil in der heutigen Rückschau kaum für möglich gehalten, ist z. B. eine Form der Selbstbezeichnung nach der Herkunft aus einem Vertreibungsgebiet oder -ort, die sich auf Grabsteinen findet. Die Angabe des Geburtsortes, ggf. mit Zusatz der Provinz oder der Region, lässt sich auf älteren Grabsteinen des 19. und 20. Jahrhunderts gar nicht selten finden. Auf Dorffriedhöfen kleinerer Gemeinden bleibt dies zumeist auf Auswärtige bzw. von außen Zugezogene beschränkt. Ist ein solcher Fried- bzw. Kirchhof für mehrere benachbarte (eingepfarrte) Orte zuständig, stehen (unterschiedliche) Geburts- oder Wohnorte freilich auch öfters bei Einheimischen. In Großstädten ist die Variationsbreite der Inschriftenformen gewiss etwas größer.

© Peter Bahl, Belastung und Bereicherung, Vertriebenenintegration in Brandenburg ab 1945, Berliner Wissenschaftsverlag 2020

Dr. Edith Kiesewetter-Giese, geb. 1935 in Neu Titschein, Sudetenland berichtet

Ich war dann mit Familie dort und es war nicht mehr meine Heimat. Es wurde nicht mehr meine Sprache gesprochen. Und ich habe, […] das klingt komisch, ich habe nur gesagt, die Tschechen haben das schön in Ordnung gehalten. Das war’s. Wir sind im Urlaub viel hingefahren in die Tschechoslowakei. Aber es ist nicht mehr mein Zuhause.

Das im Jahre 2023 aufgenommene Interview kann über den Button abgerufen werden

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© gemeinfrei

Friedhof von Freiberg

Die Vertriebenen und Flüchtlinge haben im gesamten Bundesgebiet an öffentlich zugänglichen Orten zur Erinnerung an ihr Schicksal mehr als 1.500 Mahnmale und Gedenksteine aufgestellt. Die Vertriebenen in der DDR konnten dies erst nach der Wiedervereinigung beider Teile Deutschlands an ihren Ankunftsorten tun. Schon kurz nach den Erlebnissen von Flucht, Vertreibung und Deportation begannen die Überlebenden in Westdeutschland mit der Errichtung von Gedenkstätten für Angehörige, Freunde und Nachbarn, die gewaltsam oder durch Erschöpfung, Hunger und Krankheit auf den Trecks oder in den Zwangsarbeiterlagern zu Tode gekommen waren. Die Toten der Heimat, deren Gräber unbekannt blieben oder deren Gräber sie nicht mehr pflegen konnten, in bleibender Erinnerung zu bewahren, war ihr Antrieb. Dies bezeugen die meisten Inschriften. Aber auch die Erinnerung an die unvergessene Heimat und der Dank an die aufnehmende Gemeinde finden sich auf den Inschriften. Der Friedhof in Freiberg in Sachsen ist einzigartig. Hier wurden Vertriebene über Jahre hinweg separat von den Alteingesessenen begraben wurden. Eine Inschrift am Eingang des Friedhofes besagt: „Auf diesem Friedhof fanden 1.375 Männer, Frauen und Kinder aus Ost- und Westpreußen, Pommern, Schlesien und Sudetenland ihre letzte Ruhestätte.“

Klang der Heimat?

Kann man Heimat hören? Ja, natürlich! An seinem Dialekt, seiner Mundart verrät der Sprecher seine Herkunft. Man kann hören, ob einer aus Sachsen, Hessen oder Bayern kommt. Das galt bis vor wenigen Jahrzehnten auch für die Dialekte im östlichen und südöstlichen Europa. Der Band begibt sich auf Spurensuche. Eine Sprachreise ist auch immer eine Kulturreise. Entstanden ist ein Kaleidoskop der Mundarten, in dem auf unterhaltsame Weise Herkunft und Bedeutung von Wörtern und Redewendungen nachgegangen wird und zeigt die einstmals kulturelle Vielfalt im östlichen und südöstlichen Europa.

© Lars-Arne Dannenber, Matthias Donath, Klang der Heimat. Den Mundarten im östlichen Europa gelauscht, Eine Edition der Stiftung Erinnerung, Begegnung, Integration – Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Kultur und Geschichte e.V.

Mundarten

Die Mundarten der Herkunftsregionen haben in der ehemaligen DDR nur die älteren Vertriebenen gesprochen. In die Nachfolgegenerationen ließen sich diese Sprachen nicht mehr übernehmen.

Hier kann man der sprachlichen Eigenart einiger Regionen lauschen.

© Lars-Arne Dannenberg; Matthias Donath, Klang der Heimat. Den Mundarten im östlichen Europa gelauscht, Eine Edition der Stiftung Erinnerung, Begegnung, Integration – Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Kultur und Geschichte e.V.

Ostpreußische Mundart Dauer: 1:48 Minuten

Ostpreußische Mundart Dauer: 3:22 Minuten

Pommerische Mundart Dauer: 2:43 Minuten

Siebenbürgisch-sächsische Mundart Dauer: 5:45

Sudetendeutsche Mundart Dauer: 14:05 Minuten

Heimatlieder

Die Vertriebenen haben aus ihren Heimatregionen jeweils eigene identitäts- stiftende Elemente, zu denen immer auch ein Lied gehört, mitgebracht. Die Heimat- oder regionalen Volkslieder preisen auf tiefgründige, elementare und emotionale Art und Weise die Besonderheit der Heimatregion.

Sie heben sich aus der Reihe der zahlreichen Heimatlieder heraus und werden bei allen Treffen gemeinsam gesungen. Sie sind Teil des akustischen Substrats der Heimatverbundenheit. Heimatlieder gewinnen an Tiefe und Bedeutung, wenn sie in der Fremde angestimmt werden.

Ostpreußenlied

Anfang der 1930er Jahre komponierte der Königsberger Hubert Brust (1900-1968) das Oratorium Ostpreußenland. Den Text dichtete der seit 1945 in Ostpreußen verschollene Königsberger Schriftsteller Erich Hannighofer.

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Schlesierlied

Das Lied entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Verfasser ist unbekannt.

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Pommernlied

Das Lied geht auf den Theologen und Dichter Adolf Pompe (1831-1889) zurück und soll bei einer Wanderung im Harz 1851 zu der Melodie von Karl August Groos „Von Freiheit, die ich meine“ von ihm entworfen worden sein.

Interpretation des Pommernlieds von den Regensburger Spatzen

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Interpretation des Pommernlieds von den Fischer-Chören

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